Sonntag, 19. Januar 2025

im Publikum

 

Nachtrag – ist ja auch schon wieder Monate her…

Ein Kellertheater in Wien, und eigentlich sind wir diesmal wegen dem Bühnenbild hier, oder wegen der die es gemacht hat. Das Bühnenbild ist gut, das Stück ist es auch aber diesmal ist auch das Publikum hochkarätig.

Schon beim reingehen Blickkontakt mit den scharfen aufmerksamen Augen einer Frau, die mich ansehen als ob sie mich kennt. Was ich ausschließen kann, denn ich bin es der sie kennt, auch wenn ich lange nicht wissen werde wer sie ist. Ich weiß das es von früher ist, dass ihr Gesicht jünger war, aber noch nie so echt wie jetzt, denn jetzt ist keine vierte Ebene Mattscheibe – die in der erste Hälfte meiner Pubertät auch nur Monochrom war – sondern nur ein halber Vorraum.

Die Stuhlreihen eng besetzt, wir heute ungewöhnlich weit hinten.

Vorne links, ein Enfant-Terrible und mich erschreckt wie alt er geworden ist. Und da auch ich nicht mehr der Jüngste bin, beginnt man zu graben woher dieses Unbehagen kommt und wann es begonnen hat. Und wir landen beim „Bockerer“, und ich bin noch nicht mal ein „Bürscherl“ und lerne gerade, das Macht oft schlimmer ist als Krieg.

Und da wir gerade beim Krieg sind: zwei Reihen hinter ihm sehe ich wie Odysseus Platz nimmt. Odysseus, ich war mit im vor Troja, und wo immer du bist, es ist gut Odysseus vor dir zu wissen. Denn irgendwie ist man überzeugt, dass sich Odysseus auch deiner bewusst ist, in dir einen Kameraden sieht auch wenn er keine Ahnung hat wer du bist, oder er dir nachtrauern würde. Ich bin nur ein kleiner niemand in der Dunkelheit, aber dieser Mann hat Königinnen verloren ohne die Fassung zu verlierten. Ein echter Anführer eben. Und ich nur einer der namenlosen Waffenträger. Aber ich würde immer bereit sein um ihm eine Waffe zu reichen. Ich habe es vor Troja getan, und ich habe es im Fernsehstudio getan.

In der einsetzenden Dunkelheit kommen die letzten Zuschauer an uns vorbei. Und ich erkenn sie sofort: Roxanna, die wunderbare Roxanne. Und Hand in Hand mit ihr, ihr Cyrano (auch wenn mir diese Synchronizität immer wieder entfällt). Vertraut sitzen sie beisammen, die anbetungswürdige Roxanne und …der Taxler. Ein Taxler, keine Taxi Driver, ein Taxler… und dennoch weiß ich das dieses Pudels Kern in Wirklichkeit Mephisto ist. Der kultivierteste Mephisto den die Wiener Bühnen jemals hervorgebracht haben. Mephisto, der weiß, dass man den Menschen behutsam in die Sünde helfen muss wie in einen warmen Mantel und sie ihm nicht wie einen heißen Fetzen ins Gesicht knallt. Ein Mephisto, der Behutsamkeit nicht mit Skrupel verwechselt und der wie kein anderer klar gemacht hat „dass wir es waren, die ihn gerufen haben“ – was dann auch wirklich die einzige Ähnlichkeit mit dem Taxler wäre.

Ein Gläschen nach der Vorstellung, Bühnenhelden und deren Verkörperungen – oder umgekehrt (es wäre gelogen zu sagen ich könnte wirklich unterscheiden) – um uns herum. Manche kennen uns Groupies schon. Und manche die uns schon so viele waren, das wir gelernt haben durch die Charaktere zu sehen.

Die Frau mit den aufmerksamen scharfen Augen verabschiedet sich. Ich bring diesmal wenigsten ein Nicken hin und als ich zum ersten Mal an diesem Abend ihre Stimme höre, kommt wie ein Echo, die Erinnerung und ich weiß wer sie ist…

Carry me home

 

„Carry me home!“
sagte das vom Vater ausgesetzte Kind
und es sagte es zum Schicksal,
denn der Vater war ja nicht mehr da.

„Carry me home!“
sagte das vom Vater ausgesetzte Kind
und es sagte es zum Schicksal,
denn der Vater war ja nicht mehr da
und außer dem Vater und dem Schicksal,
kannte es noch niemanden,
denn „Mutter“ ?, …„Mutter“ das war noch kein „Jemand“
sondern eine Welt der es sich entzogen wusste.

„Carry me home!“
sagte das vom Vater ausgesetzte Kind
und es sagte es zum Schicksal,
jetzt schon im Wissen, dass es jeden einzelnen verdammten Schritt
davon alleine gehen würde.

„Carry me home!“
sagte das vom Vater ausgesetzte Kind
das außer dem Vater und dem Schicksal,
niemanden kannte.

Und Rache ?, Rache würde es an beiden nehmen.


(Inspired by a song an introduction by the band MINDSPEAK)